Akzeptieren wer ich bin

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Vor vielen Jahren besuchte ich einen Freund zum Geburtstag. Seine Schwester war mit ihren Söhnen aus Frankreich angereist, sie hatten eine lange Bahnfahrt hinter sich. Die Jungs neckten sich, der Ältere zog den Jüngeren auf, und irgendwann fiel der Satz „das ist voll peinlich, ich schäme mich für Dich“. Der Jüngere war während der langen Reise eingeschlafen, er saß schief in seinem Sitz und irgendwann tropfte etwas Speichel aus seinem Mundwinkel auf sein Shirt.

Ich schaute ihn an, sein Blick sagte „Keine Ahnung was der will, ich habe geschlafen und nichts mitbekommen“, instinktiv fragte ich den Älteren: „Warum schämst Du Dich für Deinen Bruder, wenn er sich nicht daran stört, was passiert ist?“

Längst hatte ich diese Begebenheit vergessen, doch kürzlich wurde ich daran erinnert. Jemand sagte mir, er würde sich für mich schämen, weil ich oft sehr abgehoben und spirituell sei. Unnötig zu sagen, dass ich diese Einschätzung zunächst gar nicht teilen konnte.

Doch da war eine Person die mich kannte und geradeheraus etwas über mich sagte. Nicht um mir weh zu tun, sondern es war ein Bedürfnis das auszusprechen. Es wirkte nach und ich ertappte mich dabei mich zu fragen: „Stimmt das?“ Ja, es stimmt. Wenigstens für diese Person. Warum das so im Vordergrund steht für diesen Menschen kann ich nur mutmaßen. Und das tue ich hier nur, um das Wechselspiel aufzuzeigen. Dieser Mensch ist aus meiner Sicht sehr geerdet, sehr im Kopf zu Hause, manchmal ein ungläubiger Thomas. Ich sehe diesen Menschen diametral gegenüber meiner Position.

Unser Spiel in diesem Fall könnte also sein, dass ich mir jemanden gesucht habe, der den Luftikus in mir mal auf die Erde holt. Oder der andere Mensch holte mich in sein Leben, um mal etwas aus höherer Warte betrachten zu lernen. Wir wollten beide vielleicht mal das andere Ende der Leine sehen, oder wir hofften vielleicht auch uns in der Mitte zu treffen, was auch immer. Es sind genau diese Überlegungen die ich darüber anstelle, die diesem Menschen das Gefühl geben, er müsse sich für mich schämen. Und vielleicht ist das gerade meine Aufgabe, diesem Menschen vor Augen zu führen, dass er sich unnötig schämt. Was er natürlich anders sieht, er schämt sich ja meinetwegen, „für mich“. Und genauso kann der andere mir zeigen, dass ich mich unbewusst dafür schäme so zu sein wie ich bin, mit allen Facetten. Aber ich bin so! Und das hat seinen Grund, den ich nicht unbedingt kennen muss. Wichtiger ist, es zu akzeptieren. Erst dann kann ich weiterschauen.

Merke: Was Dich trifft, betrifft Dich auch!

Es wirkte in mir und eine Antwort stieg in mir auf: „Ja, stimmt, ich suche immer die Bedeutung in allem, was mir begegnet“. Und ich kann mir vorstellen, dass es manchmal andere peinlich berühren kann, wenn ich so rede. Und damit zeige ich ihnen genau das, was sie in sich ablehnen. Das, wonach sie sich sehnen. Es ist in diesem Moment meine Aufgabe der Auslöser für dieses Gefühl zu sein. Ich muss mir keinen Kopf darüber machen warum andere so auf mich reagieren, ich muss mich nicht ihretwegen willentlich ändern. Dann würde ich mich verbiegen, ich würde ihnen die Chance verwehren etwas in sich selbst zu erkennen.

Es geht nicht darum Lehrer für andere zu sein. Es geht darum Ich selbst zu sein. Ganz bei mir zu sein und mich zu akzeptieren. Alles andere um mich herum geschieht von selbst, und je mehr ich bei mir bin, je mehr ich mich akzeptiere und zufrieden mit mir bin, desto einfacher und schöner ist das Leben für mich.

In diesem Fall kommt dann die Erkenntnis dazu, dass diese Person eben anders ist als ich. Und wenn ich mich akzeptiere, dann kann ich sie auch so akzeptieren wie sie ist. Und dann kann ich ihr Dankbar sein, dass sie mir Gelegenheit gab, etwas über mich zu lernen.

Ich habe also verstanden, dass Spirituell sein ein Teil von mir ist. Ich bin so. Es bedeutet auch, ich bin wieder ein Stück weiter von Wertung und Beurteilung weg. Denn ich habe nicht nur verstanden, sondern auch akzeptiert, dass dies ein Teil von mir ist. Wieder ein Schritt mehr zur dauerhaften Zufriedenheit.

Denn bevor ich mir nicht bewusst bin, wer und wie ich wirklich bin, ist jede herbeigesehnte Veränderung nur von kurzer Dauer. Wenn ich nicht akzeptiere, was alles in mir steckt und die vermeintlich unangenehmen Anteile ablehne, bin ich nicht im Einklang mit mir selbst. Dann suche ich die Lösung im außen. Dort bekomme ich aber nur weiter gezeigt, was ich ablehne oder wonach ich mich sehne. Und dann ist keine Änderung möglich, die mir weiterhilft und zu mehr Zufriedenheit beiträgt.

Die unangenehmen Gefühle sind nur deswegen unangenehm, weil wir sie ablehnen. Wir sind hier um zu fühlen, aber wir werten immer wieder. So lehnen wir manche Gefühle ab, weil wir glauben, sie seinen „schlecht“. Lassen wir uns darauf ein und gehen durch dieses Gefühl hindurch, machen wir einfach eine Erfahrung und lernen uns kennen. Dies ist das wichtigste, was wir tun können.

So wie ich einen Arbeitsplatz wähle, der meinen Fähigkeiten entspricht, damit ich mich weiterentwickeln kann. Als Beispiel: Ich bin unzufrieden mit dem Job, ich mache viele Überstunden, weiß aber nicht woran es liegt. Ich suche mir einen neuen Job ohne mir klar gemacht zu haben, was ich kann und was ich will. In den ersten Wochen ist alles prima, neu, interessant, aufregend. Es wird vermutlich nicht lange dauern, bis die gleiche Unzufriedenheit wieder da ist. Da ich mich nicht verändert habe, in dem ich mich akzeptiere, meine Wünsche und Einstellung zum Job. Also zeigt mir der Job, dass ich einen Teil von mir ablehne. Denn ich will ja weiterkommen. Einfach den Job wechseln, weil ich zu viele Überstunden mache, wird erst dann die Situation verändern, wenn ich es durchlebe und verstehe. Ich muss erkennen, dass ICH dauernd Überstunden mache, obwohl die Familie zu Hause wartet. Es ist MEINE Einstellung zur Arbeit, die mich das tun lässt. Erkenne ich das und verlasse die Opferrolle, dann finde ich auch einen Job, der keine Überstunden fordert.

So „einfach“ ist das!

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