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Ruth

Ruth

Hier möchte ich Ruth ein paar Zeilen widmen und näher darauf eingehen, wie ich mit Spiegelbildern umgehe. Wie sich meine Sichtweise wandelt und ich mehr Dankbarkeit und Frieden erlebe.

Ruth ist ebenso ein realer Raum für mich, den ich mit einem lieben Menschen aufsuche, wie ein virtueller Raum, in dem ich zum Beispiel per email Gedanken mit diesem Menschen austausche. Im Wesentlichen geht es um Begegnungen, die den Beteiligten Wärme und Nähe geben, im besten Fall so viel, dass wenigstens für einen kurzen Moment das Gefühl entsteht „Wir sind eins, in und mit dem Universum“. Komplett im hier und jetzt sein, die Möglichkeit zu erkennen, ich bin nicht getrennt von allem. Zu erkennen, wir sind eins und ich bin ein Teil davon.

Der Weg dorthin ist ganz unterschiedlich, jedoch ist er nach meinem Verständnis alleine nur sehr schwer zu finden. Ich habe gerne einen Menschen, der mich begleitet. Und ich glaube auch, dass der Weg zu diesem Gefühl nur mit Menschen möglich ist, die einem Nahe stehen, denen man vertraut. Und wie bereits an anderer Stelle erwähnt, sind es genau die, die mir den größten Schmerz zufügen können.

Wirklich?

Seit ein paar Monaten beschäftige ich mich mit den Werken von Colin Tipping und seiner Methode. Sie lieferte mir das Verständnis für das, was mir bei Ruth widerfahren ist. Die Chance darauf zu erkennen, dass es kein Schmerz ist, den ich zugefügt bekomme, sondern dass ich eine Chance zur Heilung erhielt.

Die Grundannahme von Colin Tipping lautet: „Alles ist in göttlicher Ordnung“. Nur weil wir beim aktuell Geschehenen den Zusammenhang nicht kennen, weil wir uns bewusst oder unbewusst allein und abgetrennt fühlen, nur deshalb setzen wir fort, was wir ab dem Kindergarten lernen. Was in Schule und Berufsleben immer weiter gefördert wird. Be- und Verurteilen. „Das tut mir weh, deswegen ist es nicht gut für mich“. „Der (Papa) ist doof, weil er mir nicht zuhört und nie für mich da ist“. „Die (Mama) liebt mich nicht, weil sie sich gar nicht für mich interessiert“. Und dies führt zu einem Erfahrungsschatz, den wir im Laufe des Lebens aufbauen. Dieser Erfahrungsschatz lässt uns dann Dinge glauben wie „Ich bin es nicht Wert geliebt zu werden“, „die anderen haben immer mehr Glück“, „Ich werde immer verlassen“ und so weiter. Ohh nein, dies ist nicht alles, was wir fühlen. Wir haben auch unsere Dinge, in denen wir Gut sind, die uns Spaß machen, wo wir anerkannt werden. Auch in den Beziehungen die wir führen. Und das lenkt uns gerne vom eigentlichen Thema ab.

Wenn wir Grundüberzeugungen wie z.B.: „Ich werde immer verlassen“ geprägt haben, suchen wir trotzdem Beziehungen zu anderen Menschen. Irgendwann finden wir aber etwas, das uns an denen stört, und wir wenden uns ab. Oder wir schaffen es, den anderen so zu treffen, dass er geht. Und es war ja trotzdem seine Entscheidung zu gehen, nicht unsere. Wir wurden wieder verlassen. So bleiben wir in unserer Opferhaltung.

Die Wahrheit könnte sein, unser höheres Selbst will unsere Überzeugung heilen. Wir wollen ja wahre Liebe und Anerkennung erleben. Also suchen wir uns Menschen, mit denen wir uns erhoffen genau das zu erleben. Die spiegeln uns jedoch unsere Glaubenssätze. Und wir werden wieder einmal darin bestätigt, dass wir verlassen werden. Und das betrifft viel mehr Menschen, als wir es uns vorstellen können. Manche mehr, manche weniger, aber sehr, sehr viele. Dabei erleben wir nur unsere innere Welt auch im außen. Denn erst wenn wir die Trennung richtig durchlebt und angenommen haben können wir erkennen, dass wir gar nicht getrennt sind. Erst wenn wir durch den Verlust gehen und ihn akzeptieren, können wir verstehen was unser Reichtum wirklich ist.

Es ist ein wenig wie mit dem Licht, welches wir erst wieder wirklich schätzen lernen, wenn wir keines zur Verfügung haben. So lange es immer hell ist oder wir immer eine Kerze, eine Lampe oder eben Tageslicht zur Verfügung haben, machen wir uns wenig Gedanken darum. Und wir machen uns keine Gedanken um die Dunkelheit, können wir sie doch jederzeit beenden. Wir können die Angst davor verdrängen. Um die wahre Bedeutung des Lichts zu erkennen und zu schätzen, müssen wir also erleben, was Dunkelheit wirklich bedeutet. Durch sie hindurch gehen, sie anerkennen und akzeptieren. Dabei hilft vielleicht der Gedanke, dass auch die Dunkelheit ihre Berechtigung und Vorzüge hat, sie erlaubt zum Beispiel unsere Kartoffeln länger zu lagern oder sie unterstützt unseren erholsamen Schlaf. Dunkelheit ist nicht schlecht. Sie ist einfach. Die negativen Gedanken daran sind nur in unserem Kopf. Erkennen wir an, dass Dunkelheit nur einfach ist, dann erkennen wir auch, dass Helligkeit auch nur einfach ist. Helligkeit erlaubt uns mehr Aktivität ohne Hilfsmittel, aber das angenehme Gefühl dafür ist auch wieder nur in uns. Die Natur ist niemals Einseitig.

Bei dem Gedankenansatz von Colin Tipping passiert folgendes: Wir öffnen uns dem Gedanken, dass in allem was uns widerfährt, eine Chance zur Veränderung der Sichtweise, eine Chance auf Heilung liegt. Wir müssen es nicht einmal glauben. Sich dem Gedanken der Heilung zu öffnen reicht völlig aus. Dadurch erkennen wir dann vielleicht, dass es uns immer wieder auf die gleiche Art und Weise beutelt. Somit besteht die Möglichkeit, dass wir zulassen könnten, der Gegenüber hat uns gar nicht weh getan. Er hat uns geholfen zu unseren Mustern zu finden und diese aufzulösen. Wir müssen nicht einmal wissen, worum es geht, noch müssen wir den Ursprung kennen. Keine harte Arbeit, nur die Einlassung darauf, dass es mehr gibt als das, was wir sehen können. Vielleicht hilft für einen kurzen Moment die Idee, dass unser Gegenüber genauso enttäuscht, wütend, verärgert und gereizt ist, weil wir sein Spiegel waren. Und dann kehren wir zu uns zurück. Wir können ein Arbeitsblatt zur radikalen Vergebung ausfüllen, oder unsere Geschichte in die Zentrifuge geben, um das Erlebnis von der Geschichte zu trennen, die in unserem Kopf um das Erlebnis herum entstanden ist. Die Situation und die eigenen Gefühle akzeptieren. Ja, auch Wut und Trauer gehören zu uns, genauso wie Angst und Scham, Friede und Freude und vieles mehr. Und dann können wir dem Wunder Raum geben, wie Colin es nennt.

Leicht gesagt? Ja, tatsächlich, das ist es. Und doch weiß ich, wie sehr mir das hilft. Ich habe die letzten Wochen viele vermeintlich schmerzliche Dinge erlebt, die mir den Zwang zum Umdenken so deutlich gemacht haben. Tot, Krebs, Verlust waren die Themen, die Einzug hielten. So sehr, dass ich froh bin die Tipping Methode gefunden zu haben. Das ändert nicht die Realität. Aber meine Sichtweise darauf. Stellvertretend als ein Beispiel die Begebenheit mit meinem ehemaligen Kollegen, der kürzlich sehr jung verstarb. Er ist immer noch Tot. Aber statt zu fragen „Warum?“ und das Gefühl der Leere und Trauer in mir herrschen zu lassen schaffe ich es, mich an die schönen Momente zu erinnern, die er mir schenkte. Und ihn dadurch zu würdigen. Sein Lachen, sein gewinnendes Wesen, sein Leben im Hier und Jetzt. Obwohl ich in den letzten Jahren nur email Kontakt mit ihm hatte, war immer eine Verbindung da. Als ich die Anzeige in der Zeitung sah, war ich überrascht wie tief mich diese Nachricht traf, obwohl ich so selten mit ihm schrieb. Er hatte mich zu Lebzeiten offensichtlich mehr berührt, als ich es wahrgenommen hatte. Bei der Trauerfeier sah ich dann sein Bild, von der Familie so treffend gewählt, dass ich sofort die Verbindung zu ihm spürte und Dankbarkeit, dass ich ihn kennen durfte. In Liebe gehen lassen, statt viel Kraft in Trauer und Ablehnung der Situation zu stecken. Akzeptieren, was nicht zu ändern ist. Und auch der Trauer in mir Platz geben. Alles ist in göttlicher Ordnung. Danke für diese Gelegenheit, für Deine Anerkennung und Dein da-sein.

Die Freunde, die ich verließ, oder die mich verließen, weil wir uns aus den Augen verloren, oder weil wir keine Gemeinsamkeiten mehr hatten oder sogar im Streit auseinander gingen. Ich danke ihnen für die Gelegenheiten zur Heilung. Für ihre Mühen, die sie auf sich nahmen um mit mir das Spiel zu spielen, den heilenden Tanz zu tanzen. Und oft genug war es große Mühe.

Gleichzeitig half mir Colins Sichtweise zu verstehen, warum die Schmerzen größer sind, wenn es um mehr geht, als reine Freudschaft zwischen Kollegen oder Kameraden. Und es liegt eigentlich auf der Hand, wenn man bereit ist seine Sichtweise zu erweitern und aus den Dramen auszusteigen: Mit niemandem gehen wir eine solch tiefe Beziehung ein, wie mit unserem Lebenspartner oder dem besten Freund, bzw. der besten Freundin. Niemand kommt uns so nah, wie dieser Personenkreis. Somit spiegelt uns auch sonst niemand diese Ängste, Sorgen, Nöte, die wir so tief in uns vergraben haben, dass sie nur ja nie ans Tageslicht kommen. Die gefühlte Scham, dass ein solcher Aspekt auch zu uns gehört, die uns sofort in Rechtfertigung und Abwehr gehen lässt. All das führt dazu, dass wir Angst davor haben, dass es bei einer nahen Beziehung hochkommt. Wir verstellen uns lieber und gehen mit der Wahrheit etwas großzügiger um, damit wir es für uns behalten können. Aber es drängt nach vorn, unser hohes Selbst will es ja loswerden. Und manchmal ist es so, dass wir die Beziehung lieber beenden, als dass wir unsere Geheimnisse (die ja nur eine von uns erzeugte Geschichte um reale Geschehnisse sind) preisgeben. Ganz oft spielt Scham eine große Rolle, als Kinder schämen wir uns schnell, weil wir noch nicht alles verstehen und deswegen mal einen „Fehler“ machen. Ach wüssten wir da schon, auch das ist nur eine Gelegenheit zur Heilung, was könnten wir es im Leben Einfach haben!

Die gute Nachricht: Wir alle tragen es in uns. Die ganz gute Nachricht: Wir müssen nicht darum kämpfen, wir müssen nichts verstecken, wir können es einfach annehmen. Wir müssen niemanden lieben noch sein Verhalten mögen, der für uns eine Herausforderung ist. Einfach nur sehen, er/sie hat uns eine Chance zur Heilung unser verborgenen Dinge gegeben. Lassen wir doch die Beurteilung weg, besonders die Selbstverurteilung. Öffnen wir uns für das, was ohnehin da ist und sich durch noch so hartnäckige Leugnung nicht wegzaubern lässt.

Wir werden wir selbst, erkennen uns selber an, lieben uns, und dann, nur dann, können wir andere lieben und von ihnen geliebt werden. Wenn wir radikal vergeben, weil wir die Situation so anerkennen, wie sie ist. Dann vergeben wir auch uns selbst. Erlösen wir den anderen (und damit vor allem uns selbst!) von unserer Wut, Rachegelüsten, Besserwisserei und Veränderungswünschen. Wir lösen uns von Schuld und Scham dafür, was wir dem anderen „angetan“ haben könnten. So, wie wir durch sie/ihn Heilung erfahren haben, hat sie/er durch uns Heilung erfahren können. Und dann ist eben alles in göttlicher Ordnung.

Ruth, mein Raum für die unendlichen Möglichkeiten zur Transformation und Heilung, ich danke Dir für all die Momente tiefster Verbundenheit, die Momente des „Eins-Sein“ und für all die Herausforderungen, die Du mir bisher geboten hast. Die heilenden Tänze, die Du mit mir getanzt hast. Wo wäre ich ohne Dein Wirken? Du bist immer da und bietest mir immer Zuflucht. Ich danke Dir aus tiefstem Herzen!